»Von Villa-Lobos zu sprechen, ist keine einfache Aufgabe.«

So beginnt Ermelinda A. Paz ihre Studie über die Beziehung der großen Musik-Ikone Brasiliens mit der MPB - Brasilianischer Volksmusik. Die heute vorhandene Literatur, spezialisiert oder nicht, über das Leben und Werk von Villa-Lobos ist schlicht überwältigend. Deshalb hier nur einige Anmerkungen, die den neugierigen Interessenten auf die im Internet zugänglichen Quellen verweisen (Bücher, Monographien, Artikel, Aufnahmen etc.), welche alle Aspekte seines Lebens und seines immensen Opus umfassen.

Der Mann und sein Werk

An der Hand seines Vaters, »eines praktischen, technisch perfekten Musikers« (so HVL wörtlich), lernte er schon in frühem Alter berühmte Persönlichkeiten der Zeit kennen, Musiker, Schriftsteller, Kritiker, Anthropologen und vor allem die »Chorões«, virtuose Instrumentalisten, welche die sogenannten »Choro-Runden« bei den Volksfesten und in Salons der gesellschaftlichen Elite des frühen 20. Jahrhunderts in Rio de Janeiro, damals Hauptstadt des Landes, animierten. Man beachte, dass »Choro« damals (»die wahre Verkörperung der brasilianischen Seele«, so Villa-Lobos) viel mehr Prestige genoss als Samba – von den meisten Gebildeten, oder Pseudogebildeten, als Musik der bescheidenen Leute, von niedriger sozialer Kategorie, betrachtet. Für den kleinen Heitor (Tuhu, im Kreis der Familie) allerdings die ideale Schule, aus der er die Nahrung holte für seinen Lernhunger und das Meistern von Instrumenten und Formen. Am Anfang war es Cello und Klarinette, später kam Gitarre dazu und schließlich Klavier. »Als ich in jenen Kreis eintrat, »die Chorões«, war es nicht zum Spaß, sondern um mich in dieses Klima einzutauchen«, erklärte er derjenigen, die später seine zweite Frau wurde, D. Arminda (Mindinha).

Als er mit nur 12 Jahren seinen Vater verlor, Opfer des Gelbfiebers, musste er bald damit beginnen, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, der dann in die Hände seiner Mutter fiel. Er spielte in Bars, Kabaretts, Festen, Hausmusikabenden, Varieteebühnen und im berühmten Odeon Kino, wo er Arthur Rubinstein kennenlernte, der unter anderen Berühmtheiten im Paris der 20er Jahre sein großer Freund und wertvolle Unterstützung werden sollte.

Die Mischung aus klassischen Strukturen, dann schon stark imprägniert mit Elementen der lokalen Kultur, half seinem schöpferischen Geist die synkretistische Facette dessen zu entwickeln, was sich in die explosive Verschmelzung von Klassischem und Volkstümlichem seiner musikalischen Produktion verwandeln würde.

Um die unbestrittene Meisterschaft zu erringen, die ihn seit dem Beginn seiner Tätigkeit als echten brasilianischen Komponisten kennzeichnet, auch nationalistisch im bürgerlichen und ästhetischen Sinn, den er diesem Wort gab, Villa-Lobos, der keiner Schule traute (»ein Fuß in die Akademie und man wird gleich schlechter«) und daher eine akademische Ausbildung ablehnte, wobei er sich aus eigener Initiative dem Studium von Partituren und musiktheoretischen Abhandlungen widmete, unternahm mehrere Reisen in die entlegensten Regionen Brasiliens: zum Amazonas, in den Nordosten, wo er in den Traditionen und Bräuchen der Indianer und »Sertanejos«, in der tropischen Üppigkeit der Farben und Klängen der Natur, die Authentizität suchte, die er für seine Werke anstrebte.

»Meine Harmonielehre ist die Landkarte von Brasilien.«

Irritiert von den herrschenden Vorurteilen in der brasilianischen Gesellschaft, vor allem in den großen urbanen Zentren (Rio und São Paulo) und noch mehr im Künstlerkreis jener Zeit, der die Anerkennung seiner Arbeit als moderner Komponist verweigerte, zumal er fest entschlossen war, die Parameter des musikalischen Schaffens im Land zu erneuern, zwar von der klassischen Tradition (Bach, Chopin, Debussy und andere) ausgehend, aber mit Einbeziehung der echten Volkselemente, die in den kulturellen Veranstaltungen verschiedener Schichten der brasilianischen Gesellschaft vorkamen, wie von zahllosen Künstlern aus der Kolonialzeit und noch stärker von den besten Musikern des neunzehnten Jahrhunderts wie auch von seinen Zeitgenossen längst anerkannt und verarbeitet, hatte Villa-Lobos in den 20er Jahren keine andere Wahl als Brasilien zu verlassen und nach Paris zu gehen, um dort sein musikalisches Talent zu beweisen, in dem er der feinen Pariser Öffentlichkeit und den »Berufskollegen« seine neuesten Werke vorstellte. Dafür konnte er auf die finanzielle Unterstützung von befreundeten Gönnern zählen, die ihn sehr bewunderten und respektierten für sein vulkanisches Temperament und seine starke Persönlichkeit.

So kam er nach Paris, nicht um dort von den großen Vertretern der Modernität zu lernen, sondern um seine neuesten, von dem Reichtum und der kulturellen Vielfalt der brasilianischen Tropen inspirierten Erfindungen zu präsentieren. »Ihr seit diejenigen, die von mir was zu lernen habt«, sagte er gleich zu Beginn, von seiner Bedeutung und Fähigkeit völlig überzeugt.

Der künstlerische und gesellschaftliche fulminante Erfolg seiner Präsenz in Paris bestätigte voll und ganz das Ziel, internationale Anerkennung seines kreativen Genies zu erringen, was entscheidend war für die weitere Entwicklung und Entfaltung seiner fiebrigen musikalischen Aktivität, die zu einer Unzahl von qualitativ hochwertigen Werken führte – überraschend, provokant, originell.

Der begeisterte Applaus von großen Künstlern und Persönlichkeiten der europäischen Musikwelt gab ihm Mut und Kraft, seine produktive Arbeit als Komponist, Dirigent, Kulturveranstalter und Musikpädagoge der neuen brasilianischen Generationen fortzusetzen. Für diesen Zweck bekam er die volle Unterstützung der Regierung Vargas, was ihm allerdings harsche Kritik und bösartige Vorwürfe brachte von denen, die ihn als bloßen Opportunisten im Dienst einer autoritären Herrschaft betrachteten.

Villa-Lobos komponierte mit Bach im Kopf und Brasilien im Herzen, einerseits Kontrapunkt und Fuge, anerkannte klassische Strukturen, andererseits eine beeindruckende Symbiose der vollen grün-gelben Palette aus der schillernden tropischen Natur und aus dem unerschöpflichen kulturellen Vielfalt populärer Darstellungen, die er in Motiven, Liedern, Tänzen, Rhythmen und Melodien verarbeitete, angelehnt an lokalen Bräuchen indianischen und oder afrikanischen Ursprungs, mit Elementen der europäischen Tradition vermischt.

(Copyright © by jrBustamante, 2012)